Code ist eine Verbindlichkeit:
Warum Clean Code im KI-Zeitalter zur Überlebensstrategie wird
Im letzten Beitrag haben wir diskutiert, warum wir Code für KI-Agenten „hässlich“ und dicht machen sollten, um Token zu sparen. Doch bevor Sie anfangen, Ihre Vokale zu löschen, müssen wir über die Kehrseite der Medaille sprechen.
Wenn KI die Produktion von Code kostenlos macht, stehen wir vor einem neuen, gewaltigen Problem: Der Inflation der Syntax.
Das Gegenstück zur „AI-Native Architecture“ sind Technische Schulden auf Steroiden.
Das Jevons-Paradoxon des Codes
Früher kostete jede Zeile Code Zeit und Gehirnschmalz. Wir überlegten uns gut, ob wir eine Klasse wirklich brauchten. Clean Code Prinzipien wie DRY (Don’t Repeat Yourself) waren ökonomische Notwendigkeiten.
Heute senkt generative KI die Produktionskosten auf Null. Das führt zum Jevons-Paradoxon: Wird eine Ressource effizienter (billiger), sinkt der Verbrauch nicht – er explodiert. Wir erleben eine „Hyperinflation des Codes“. Wo früher eine Funktion war, generiert die KI heute drei Varianten, fünf Hilfsklassen und redundante Logik, einfach weil es geht.
Das Ergebnis ist nicht mehr Software, sondern Code Bloat (aufgeblähter Code). Wir bauen keine schlanken Rennwagen mehr, sondern „Müllpressen aus Spaghetti-Code“.
Die neue Gefahr: Ghost Code
Ein besonders tückisches Phänomen ist der Ghost Code. Das ist Code, der syntaktisch korrekt ist, kompiliert und läuft – aber im geschäftlichen Kontext völlig sinnlos ist.
Ein Beispiel: Ein KI-generierter File-Uploader enthält einen except IsADirectoryError-Block. Klingt robust? Nein, es ist Wahnsinn. In einem Web-Upload kann ein Browser technisch gar kein Verzeichnis als Datei senden. Der Code fängt einen Fehler ab, der in der Realität nicht existieren kann. Er ist „kognitive Umweltverschmutzung“. Er muss gewartet, getestet und von Menschen gelesen werden, die sich fragen: „Moment, haben wir hier eine Sicherheitslücke?“.
Warum Clean Code (als Minimalismus) trotzdem Sinn macht
Im letzten Blog-Beitrag argumentierte ich gegen „geschwätzigen“ Clean Code (lange Namen, Kommentare). Jetzt argumentiere ich leidenschaftlich für den Kern von Clean Code: Einfachheit und Reduktion.
„Code ist kein Asset. Code ist eine Verbindlichkeit (Liability).“
Jede Zeile Code, die Sie besitzen, müssen Sie warten, sichern und migrieren. KI ist eine Maschine, die Ihre Schulden exponentiell vermehrt. Clean Code bedeutet in diesem Kontext nicht „schöne Formatierung“, sondern Destillation.
Die Strategie: Der Zen-Meister des Löschens
Darf ich Kenji vorstellen, einen „Distinguished Engineer“, der stolz darauf ist, mehr Code gelöscht als geschrieben zu haben? Sein Ansatz gegen die KI-Flut:
- Ablehnung: Er akzeptiert keine 1.000 Zeilen KI-Code, wenn das Problem in 100 Zeilen lösbar ist.
- Code Diet: Er zwingt die KI zur Magersucht. Mit Prompts wie „Reduziere die Zeilenanzahl um 50%“ bekämpft er die natürliche Geschwätzigkeit der Modelle.
- Gärtner statt Maurer: Wir stapeln keine Steine mehr. Wir jäten Unkraut in einem Dschungel, der über Nacht wuchert.
Fazit
Clean Code ist nicht tot. Er hat nur seine Funktion geändert. Früher diente er dazu, Code für Menschen lesbar zu machen. Heute dient er dazu, das System vor dem Erstickungstod durch KI-generierten Müll zu bewahren.
Wer in einer Welt unendlicher Code-Produktion überleben will, muss die Kunst der Deflation beherrschen. Ihr Wert als Entwickler bemisst sich nicht mehr daran, wie schnell Sie Features bauen, sondern wie viel unnötigen Code Sie verhindern.